{"id":2015,"date":"2020-08-14T15:50:23","date_gmt":"2020-08-14T15:50:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress-ploughbackthefruits.p51238.webspaceconfig.de\/?p=2015"},"modified":"2020-08-16T10:06:07","modified_gmt":"2020-08-16T10:06:07","slug":"marikana-and-south-africa-eight-years-later","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.basflonmin.com\/de\/marikana-and-south-africa-eight-years-later\/","title":{"rendered":"Marikana und S\u00fcdafrika: Acht Jahre sp\u00e4ter"},"content":{"rendered":"<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1751\" data-permalink=\"https:\/\/www.basflonmin.com\/de\/postscriptum\/csm_team_boniface_mabanza_cce9b6c459\/\" data-orig-file=\"https:\/\/www.basflonmin.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/csm_team_boniface_mabanza_cce9b6c459.jpg\" data-orig-size=\"120,120\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"csm_team_boniface_mabanza_cce9b6c459\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/www.basflonmin.com\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/csm_team_boniface_mabanza_cce9b6c459.jpg\" class=\"size-full wp-image-1751 alignright\" src=\"http:\/\/wordpress-ploughbackthefruits.p51238.webspaceconfig.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/csm_team_boniface_mabanza_cce9b6c459.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"120\" \/>Von Boniface Mabanza, Kirchliche Arbeitsstelle S\u00fcdliches Afrika KASA<\/em><\/p>\n<p><strong>Das Massaker vor acht Jahren<\/strong><\/p>\n<p>Acht Jahre sind vergangen seit dem 16. August 2012, jenem Nachmittag, an dem die s\u00fcdafrikanische Polizei, angestachelt von Hardlinern in der Regierung und im Bergbausektor beschloss, einen lang anhaltenden Streik der Minenarbeiter von Marikana gewaltsam zu beenden: 34 Bergleute fielen den gezielten Sch\u00fcssen der Polizei an jenem Nachmittag zu Opfer. Seitdem hat der 16. August eine besondere Bedeutung im kollektiven Ged\u00e4chtnis erhalten, denn Marikana stellt das erste und bis jetzt gr\u00f6\u00dfte Massaker der politischen Post-Apartheid-\u00c4ra dar, vergleichbar in ihrer Tragweite mit den Massakern von Sharpeville im Jahr 1960 und Soweto im Jahr 1976. In den vergangenen 7 Jahren haben sich zu jedem Jahrestag am 16. August landesweit und sogar \u00fcber S\u00fcdafrika hinaus kleine und gro\u00dfe Initiativen mobilisiert, um die Erinnerung an die get\u00f6teten Minenarbeiter und ihren Kampf f\u00fcr gerechte Arbeits- und Lebensbedingungen lebendig zu erhalten. Die zentrale und gr\u00f6\u00dfte dieser Gedenkveranstaltungen fand immer in Marikana statt, unweit des Koppies, jenem Ort, an dem sich die Minenarbeiter im August 2012 bis zum Massaker versammelten, um ihre Stimmen h\u00f6rbar zu machen.<\/p>\n<p>In diesem Jahr wird aufgrund der sich in S\u00fcdafrika noch verbreitenden Corona-Pandemie die zentrale Gedenkveranstaltung in Marikana nicht physisch stattfinden, aber das Massaker von Marikana wird allgegenw\u00e4rtig sein und dies in einem Kontext, in dem der Kampf der Minenarbeiter f\u00fcr menschenw\u00fcrdige Arbeits- und Lebensbedingungen eine neue Bedeutung gewinnt. 2012 protestierten die Minenarbeiter*innen gegen ihre schlechte Wohnsituation, den fehlenden Zugang zu flie\u00dfendem Wasser und Elektrizit\u00e4t, Abwassersystemen und ad\u00e4quaten sanit\u00e4ren Einrichtungen f\u00fcr die meisten von ihnen, die damals wie heute in informellen Siedlungen in und rund um Marikana wohnen. Zudem verlangten die Arbeiter*innen ein Mindestgehalt von 12500 Rand (Stand 2012 umgerechnet ca. 1182\u20ac). Laut damaliger Berechnungen sollte dieser Betrag es erm\u00f6glichen, dass sie und ihre in ihren Heimatprovinzen und in den umliegenden L\u00e4ndern des S\u00fcdlichen Afrika verbliebenen Familienmitglieder ein Leben in W\u00fcrde f\u00fchren k\u00f6nnen. Diese Summe wurde als das Minimum angesehen, das den Minenarbeiter*innen und ihren Familien erm\u00f6glichen k\u00f6nnte, Resilienzen und Zukunftsperspektiven aufzubauen. Acht Jahre danach gilt es festzustellen, dass 12500 Rand (Stand 2020 umgerechnet ca. 605\u20ac) in S\u00fcdafrika unter Ber\u00fccksichtigung der hohen Inflation, des Wertverlustes der nationalen W\u00e4hrung Rand und der hohen Preise u.a. f\u00fcr Nahrungsmitteln und viele Alltagsgegenst\u00e4nde, nicht mehr den gleichen Wert besitzen. Und nicht nur unter den Minenarbeiter*innen, sondern auch in zahlreichen weiteren Sektoren gibt es etliche Arbeiter*innen, deren Monatsgehalt niedriger als 12500 Rand ist. All diese Menschen in den verschiedenen Sektoren der staatlich gesch\u00fctzten s\u00fcdafrikanischen Billiglohn\u00f6konomie, zu denen auch die zahlreichen Besch\u00e4ftigten im informellen Sektor zu z\u00e4hlen sind, haben es immer schwer gehabt, Resilienzen zu bilden. Sie betreiben eher Krisenmanagement, indem sie versuchen, das allt\u00e4gliche \u00dcberleben zu sichern.<\/p>\n<p><strong>Jahrestag im Kontext von Protesten gegen die Prekarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Diese Prekarit\u00e4t in der Form einer extremen Armut, die in S\u00fcdafrika laut <a href=\"http:\/\/www.statssa.gov.za\/\"  target=\"_blank\" rel=\"external nofollow\"  title=\"Statistics South Africa \"  class=\"wp-links-icon\">Statistics South Africa <\/a>25,2\u00a0 Prozent der Bev\u00f6lkerung betrifft, wurde nun durch den zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie verh\u00e4ngten Lockdown zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft. So wird der Jahrestag des Marikana-Massakers in diesem Jahr in einem nationalen Kontext gedacht, der wieder von Protesten gepr\u00e4gt ist. <a href=\"https:\/\/c19peoplescoalition.org.za\/media-statement-people-unite-in-national-day-of-working-class-action\/\"  target=\"_blank\" rel=\"external nofollow\"  title=\"Einer dieser Proteste fand beispielsweise Anfang des Monats am \u201eNationalen Tag f\u00fcr Aktionen der Arbeiterklasse\u201c statt\"  class=\"wp-links-icon\">Einer dieser Proteste fand beispielsweise Anfang des Monats am \u201eNationalen Tag f\u00fcr Aktionen der Arbeiterklasse\u201c statt<\/a>:<\/p>\n<p>\u201eAm Samstag, dem 1. August haben sich Gemeinden und Organisationen im ganzen Land in Aktionen zusammengeschlossen, um gegen die d\u00fcstere Reaktion des Staates auf die COVID-19-Pandemie und die verheerenden Auswirkungen dieser Reaktion auf die Arbeiterklasse und die Armen in S\u00fcdafrika zu protestieren. Sowohl in tief l\u00e4ndlichen Gebieten als auch in den wichtigsten st\u00e4dtischen Zentren schlossen sich Landarbeiter, Besch\u00e4ftigte im Gesundheitswesen und Gelegenheitsarbeiter*innen mit Gemeinden zusammen, darunter Arbeitslose, Wellblechh\u00fcttenbewohner*innen, Aktivist*innen gegen geschlechterspezifische Gewalt, Wohnungsbau- und Menschenrechtsbewegungen. W\u00e4hrend die meisten marschierten und demonstrierten, \u00fcbernahmen andere Teile des st\u00e4dtischen Landes f\u00fcr gemeinschaftliche Lebensmittelg\u00e4rten, gruben die Erde um und pflanzten Setzlinge.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die Veranstalter z\u00e4hlen diesen Protest als den umfangreichsten seit 1994, nicht gemessen an der Zahl der Menschen, die sich an den verschiedenen Aktionen beteiligt haben, sondern \u201eaufgrund der nationalen Reichweite und der Kombination aus l\u00e4ndlichen und st\u00e4dtischen Gemeinden, Arbeiter*innen und vielen verschiedenen Organisationen, die zuvor nicht zusammengearbeitet haben.\u201c Dass diese Aktionen eine nationale Reichweite gehabt haben, interpretieren die Veranstalter*innen als einen \u201eHinweis auf die Wut gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung, welche durch das Vorgehen von Regierung und Arbeitgeber*innen tiefer in Prekarit\u00e4t gest\u00fcrzt wurde. Regierung und Arbeitsgeber*innen h\u00e4tten es vers\u00e4umt, so die Protestierenden, Arbeitsnehmer*innen und arme Gemeinden vor den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zu sch\u00fctzen. Unter den zahlreichen Forderungen, die von den Demonstrant*innen im ganzen Land erhoben wurden, waren Folgende zu vernehmen: Ein sofortiges universelles Grundeinkommen, ein universelles Gesundheitssystem und Massentests zur Bek\u00e4mpfung von Covid-19, feste Arbeitspl\u00e4tze, menschenw\u00fcrdige Unterk\u00fcnfte und sauberes Wasser f\u00fcr alle, rasche Freigabe von Land f\u00fcr Siedlungen und kommunale Landwirtschaft, ein Moratorium f\u00fcr K\u00fcndigungen und Zwangsr\u00e4umungen, ein Ende der polizeilichen Repression und der geschlechtsspezifischen Gewalt, sowie eine Schlie\u00dfung aller Schulen und eine Annullierung des gesamten Schuljahres. Die an den Protesten beteiligten Organisationen sehen die Proteste am 1. August nicht als isoliertes Ereignis, sondern als die erste Aktion eines Programms mit mehreren darauffolgenden Aktivit\u00e4ten, welche die K\u00e4mpfe der Arbeiterklassen im ganzen Land b\u00fcndeln sollen um neue Synergien zu erzeugen, die durch tiefgreifende Ver\u00e4nderungen ihre Situation dauerhaft ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Der Kampf geht weiter<\/strong><\/p>\n<p>Den Forderungen der Koalition die Anfang August protestierte, h\u00e4tten die vor 8 Jahren get\u00f6teten Minenarbeiter*innen wohl alle zugestimmt. Die Forderungen nach festen Arbeitspl\u00e4tzen, menschenw\u00fcrdigen Wohnungen und sauberem Wasser f\u00fcr alle standen sogar 2012 im Kern ihrer eigenen Proteste: Denn vieler der Arbeiter*innen sahen sich als Leiharbeiter mit prek\u00e4ren Arbeitsvertr\u00e4gen konfrontiert, von der katastrophalen Situation in Marikana in Bezug auf Wohnung und Wasserversorgung ganz zu schweigen. Wenn die Protestierenden vom 1. August von einem universellen Gesundheitssystem sprechen, meinen sie auch die Situation von vielen Minenarbeiter*innen, die seit Jahrzehnten durch ihren Einsatz in den gef\u00e4hrlichen Minen Gesundheitsrisiken wie Tuberkulose und Silikose ausgesetzt sind, erkrankt in ihre Heimatregionen zur\u00fcckkehren und ohne konsequente medizinische Versorgung dort auf den Tod warten.<\/p>\n<p>Es ist von Menschen die Rede hier, die einige der wertvollsten Metalle wie Platin und <a href=\"http:\/\/www.dyingforgold.com\/\"  target=\"_blank\" rel=\"external nofollow\"  title=\"Gold\"  class=\"wp-links-icon\">Gold<\/a> aus dem Boden holen, mit denen ihre jeweiligen Unternehmen, im Fall von Platin gestern Lonmin und heute Sibanye Stillwater gro\u00dfe Profite schlagen. Auch der Forderung nach einem universellen, bedingungslosen Grundeinkommen h\u00e4tten die Minenarbeiter von Marikana 2012 zugestimmt, denn ihre Geh\u00e4lter erm\u00f6glichten es ihnen damals nicht, ein Leben in W\u00fcrde zu f\u00fchren. Ein konsequentes Grundeinkommen, das auch deren Familienmitgliedern zugutek\u00e4me, h\u00e4tte ihnen den Druck als einzige \u201eBread Winners\u201c ihrer Familien abgenommen und den Familien insgesamt st\u00fcnde mehr zur Verf\u00fcgung, um ohne allt\u00e4glichen Kampf die eigenen Grundbed\u00fcrfnisse zu befriedigen. Doch noch heute, acht Jahre nach dem Massaker von Marikana, sehen sich die Familien der Verstorbenen mit dem blo\u00dfen \u00dcberlebenskampf konfrontiert und Marikana gilt mittlerweile als Synonym f\u00fcr den Kampf um Menschenw\u00fcrde und Wertsch\u00e4tzung der Leben der Minenarbeiter*innen, der nicht an Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat. Im Gegenteil: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie machen die Konturen des t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampfes f\u00fcr die gesamte s\u00fcdafrikanische Gesellschaft noch sichtbarer. Die Minenarbeiter*innen sind feste Bestandsteile und wichtige Akteur*innen dieser Gesellschaft. Was ihre Situation zu einem besonderen Skandal macht ist das Paradox, dass sie zu einem Sektor geh\u00f6ren, der in gro\u00dfen Ma\u00dfen Reichtum f\u00fcr ein paar wenige Profiteure in S\u00fcdafrika und weltweit generiert und gleichzeitig die eigene Arbeiterschaft in tiefster Armut versinken l\u00e4sst. Daher muss der Kampf um strukturelle Ver\u00e4nderungen weitergehen. Denn die Minenarbeiter*innen, die von Rohstoffabbau betroffenen Gemeinschaften und die s\u00fcdafrikanische Bev\u00f6lkerung m\u00fcssen endlich Gerechtigkeit erfahren k\u00f6nnen. \u201eAluta Continua, Victoria Ascerta!\u201c \u2013 \u201eDer Kampf geht weiter, der Sieg ist sicher!\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Boniface Mabanza, Kirchliche Arbeitsstelle S\u00fcdliches Afrika KASA Das Massaker vor acht Jahren Acht Jahre sind vergangen seit dem 16. 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